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Robin Kunz, Nico Sternberg

Reden vom Gedenkspaziergang am 28.12.2019

DIE LINKE. Westerwald hat beschlossen zwei Reden unserer Sprecher vom Gedenkspaziergang am 28.12.2019 nachträglich in schriftlicher Form zu veröffentlichen.

 

Robin Kunz(Jugendsprecher)

Wir befinden uns hier an dem Stolperstein von Helene Löb. Über ihr Leben ist leider nur wenig bekannt, daher habe ich hier die wichtigsten Daten herausgesucht. Helene Betty Löb (auch Lenchen genannt) wurde 1909 als Tochter von Hermine und Morel Löb geboren. Sie heiratete 1938 einen Mann aus Mainz und nahm den Namen Goldschmidt an. 1942 wurden sie und ihr Mann nach Polen deportiert und kamen dort an einem unbekannten Ort um. Sie fielen somit, wie viele andere, dem Rassismus zum Opfer, der gegenüber ihrer Religion im deutschen Reich vorherrschte und in einem unvergleichlichen Massenmord mündete. Heute gut 70 Jahre nach diesem Verbrechen gegen die Menschlichkeit müssen wir mit ansehen, dass erneut mit der AfD eine Partei an Einfluss gewinnt, die Menschen, die nicht der von ihr propagierten Norm entsprechen, gezielt aus der Gesellschaft auszuschließen versucht. Eine Partei, die immer wieder mit Zitaten auffällt, die genauso gut aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 stammen könnten. So spricht z.b. der AfD Bundesabgeordnete Kay Gottschalk davon „die Läden der Türken in Deutschland zu boykottieren“ und der ehemalige Pateivorsitzende Alexander Gauland  möchte die unliebsame SPD Bundesabgeordnete Aydan Özoğuz  gleich „nach Anatolien entsorgen“. Diese Aussagen, welche Menschen mit anderem kulturellen oder religiösen Hintergrund ihre Menschenrechte absprechen, sind innerhalb der AfD keineswegs Ausnahmefälle, sie gehören nunmehr zur Kernideologie einer Partei, die es sich zur Aufgabe gemacht hat das friedliche Zusammenleben zwischen Menschen unterschiedlicher Kulturen, Religionen, Sexualitäten etc., welches  in den Jahrzehnten nach dem 3. Reich mühsam aufgebaut wurde, zu zerstören. Wer nun denkt „Das ist ja alles gut und schön aber in unserem schönen Westerwald gibt es so etwas doch nicht“, dem muss ich leider sagen, dass sich auch hier im Westerwald in den letzten Jahren  rechtsextreme Strukturen etabliert haben. So sitzt die AfD mit vier Abgeordneten im Kreistag und mit einem Abgeordneten im Hachenburger Stadtrat. Durch die Wahlerfolge der AfD laufen wir Gefahr, dass Rassismus sowie andere menschenverachtende Ideologien wieder salonfähig gemacht werden und sich Schritt für Schritt ihren Weg bis in die Mitte der Gesellschaft bahnen. Das beginnt bereits damit, dass rechtsextreme versuchen, Vereine wie freiwillige Feuerwehren und Schützenvereine zu unterwandern und dort ihr Gedankengut zu verbreiten. Hier ist nun Solidarität aller gefragt. Daher ist es wichtig, dass sich auch hier im Westerwald Menschen antifaschistisch bekennen, sich dem Rechtsruck innerhalb der Gesellschaft entgegen stellen und hinsichtlich der tragischen Schicksale aller Menschen, die aufgrund von rechter Gewalt in den letzten Jahrhunderten frühzeitig ihr Leben verloren haben, klar sagen: Nie wieder!

Nico Sternberg(Pressesprecher)

Jüdisches Leben gab es in Hachenburg bereits vor mehr als 700 Jahren. 1349, noch bevor die Pestepidemie den Westerwald erreichte, fanden Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung statt. Die damaligen Auslöser waren bspw. Beschuldigungen der Christen gegenüber den Juden, dass diese die Brunnen vergiftet hätten und es hieß auch, dass Gott die Christen mit der Pest strafe, da diese Juden in ihren Städten duldeten. Der nächste Nachweis jüdischen Lebens in Hachenburg ist erst etwa 300 Jahre später, im Jahr 1642, zu finden. Von 1896 bis 1897 wurde der Neubau der Synagoge errichtet, doch auch diesmal sollten die jüdischen Bürger in Hachenburg keine Ruhe finden. Was 41 Jahre später, in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10.11.1938, an genau diesem Ort geschehen ist möchte ich heute erzählen.

Es war Terror in Reinform und ein Schandtag in der Geschichte der Stadt Hachenburg. Aller Wahrscheinlichkeit nach waren es Braunhemden, angehörige des SA-Trupps 261, welche noch in der Nacht in das Innere der Synagoge stürmten, sie verwüsteten und die vorhandenen Thorarollen und anderes liturgisches Gerät auf die Straße schmissen. Die vorteilhafte Lage war wahrscheinlich der einzige Grund, warum die Synagoge nicht wie andere jüdischen Gebäude abgebrannt wurde, denn schon damals war sie von „arischen“ Wohn- und Geschäftshäusern eng umschlossen, welche durch ein Feuer zumindest stark gefährdet worden wären. Später beschlagnahmte die Polizei noch 16 Thorarollen, 9 anscheinend aus Silber bestehende Kultgegenstände, 17 Tücher, 5 Altardecken und -deckchen, 2 Pergamentrollen und 3 Hörner. Sie wurden auf dem Speicher des Rathauses verwahrt, wo sie bis mindestens August 1939 gelagert wurden. Was danach mit ihnen geschah, weiß niemand. Im Juni 1939 versuchte die Reichsvertretung der Juden in Deutschland die Gegenstände zurückzuerhalten, was vermutlich erfolglos blieb. Stattdessen erfuhr so die Gestapo von diesen Gegenständen und forderte die Stadt Hachenburg mit schreiben vom 20. Juni 1939 auf, die Sachen an die Stapo nach Frankfurt zu schicken. Diese Beschlagnahmung stellte die einzige Ausnahme von der vorgeschriebenen Passivhaltung der Polizei dar, denn bereits früher am Tag hatte diese den Auftrag erhalten im Falle von zu erwartenden Ausschreitungen gegen Juden nicht einzugreifen.

In den folgenden Jahren wurde die jüdische Bevölkerung Hachenburgs vertrieben oder kommt in Vernichtungslagern um. 1940 wurde die Synagoge in ein Luftschutzhaus umgebaut, wo Luftschutzübungen stattfanden. 1953 wurde die Synagoge an die Synagogengemeinde Koblenz übergeben, die sie an einen Hachenburger Kaufmann veräußerte.

An dieser Stelle möchte ich einen Teil der Internationalen zitieren, die gleich im Anschluss noch gespielt wird, denn es passt sowohl zu dieser Geschichte als auch zu der heutigen Zeit.
„Es rettet uns kein höh’res Wesen, kein Gott, kein Kaiser noch Tribun. Uns aus dem Elend zu erlösen können wir nur selber tun!“. Schon damals hat die Polizei nicht denen geholfen, die hätten geschützt werden müssen und dasselbe passiert auch heute nicht. Antifaschistinnen und Antifaschisten, die sich mutig den Faschisten entgegenstellen, werden zusammengeknüppelt, um denen, die auf unsere Verfassung spucken, den Weg zu bereiten. An dieser Stelle muss auch ein ausdrückliches Lob ausgesprochen werden, an diejenigen, die persönliche Repressionen in Kauf nehmen, die auch nicht damit aufhören Nazis zu blockieren, wenn sie selbst Nachteile davon haben. Sie sind die (mehr oder weniger) stillen Helden, die den aufkeimenden Faschismus bisher zumindest in Grenzen gehalten haben. Die Polizei, die Bundeswehr, der Verfassungsschutz, BKA und LKA sind schon längst von braunem Abschaum unterwandert. Die einzigen, die uns noch retten können sind wir selbst. Deshalb geht auf die Straße, stellt euch diesen Gestalten in den Weg, beteiligt euch aktiv in Vereinen, um eine weitere Unterwanderung zu verhindern, lasst die Geschichten nicht verblassen, erzählt sie euren Eltern, Geschwistern, Kindern und Enkeln.
Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus, nie wieder NSDAP, SS und SA, niemals AfD!